Ein Überlebender des Holocaust
"Man hat sein Leben zu retten!"

Schwäbische Zeitung: 06.11.1998


Markdorf (siv) Der 83-jährige Jizchak Schwersenz erzählt sein Leben und über 140 Gymnasiasten hören zwei Stunden gebannt zu. Ein Überlebender berichtet.

"Immer wenn es dunkel wird, kommt die Angst, auch heute noch", sagt Jizchak Schwersenz, ohne Bitterkeit in der Stimme. Immer wenn es dunkel wurde in Berlin in den Jahren 1942 bis 1944, wußte er nicht, wo er die Nacht verbringen würde. Denn Jizchak Schwersenz, deutscher Jude - jüdischer Deutscher, war vor den Schergen der Gestapo untergetaucht. Seit dem 28. August 1942 lebte der jüdische Lehrer Schwersenz als Ernst Hallermann in der Illegalität.

Sein Vater hatte im ersten Weltkrieg als begeisterter Patriot für das Kaiserreich gekämpft. Man lebe doch in einem Kulturstaat, habe dieser geantwortet, wenn der Sohn auf die Gefahren des Antisemitismus in der Weimarer Republik hinwies.

Eindrucksvoll schildert der 83-jährige den Gymnasiasten des Bildungszentrums seine Jugend- und Schulzeit, die vom Gefühl der Angst geprägt war. Angst vor Mitschülern, die ihn in den Pausen als "Judenschwein" beschimpften, Angst vor antisemitischen Lehrern. Nach der Machtergreifung durch die Nazis häuft sich der alltägliche Terror für die Juden. "Hunden und Juden ist der Eintritt verboten", liest man vor Lokalen.

Die Gestapo foltert Jakob, einen Freund Jizchak's. "Ich habe ihn dann nur noch einmal gesehen, in der Irrenanstalt". Am 9. November 1938, der sogenannten 'Reichskristallnacht', warnt ihn ein Nachbarjunge: "Geh nicht nach Hause, die Lastwagen stehen schon vor der Tür". Jizchak Schwersenz kommt noch mal davon. Bis 1941 kann der Lehrer seinem Beruf nachgehen, er leitet zwei Jahre eine Schule für jüdische Kinder in Berlin. Dann transportieren die Nazis sämtliche jüdische Schüler und Lehrer in Arbeitslager.

"Wenn es nicht mehr weitergeht, kommt nachts in die Wohnung der EWO", beschwörte Schwersenz die Schüler bei seiner letzten Ansprache. EWO, Edith Wolf. Eine junge Frau, zum Judentum übergetreten, denn sie will auf der Seite der Verfolgten stehen. "Man hat sein Leben zu retten!", schärft die Frau ihm ein. Und zwei Jahre überlebt der Mann in Berlin. Immer wieder findet er Arbeit, kann Geld verdienen. "Es gab tapfere Deutsche, die gaben uns zu Essen. Und die Tapfersten ließen uns für eine Nacht in die Wohnung zum Schlafen", erinnert Schwersenz an all jene Menschen, ohne deren Hilfe er nicht überlebt hätte.

Im Februar 1944 steigt Jizchak mit Freunden in die Bahn nach Singen. Der Fluchtweg in die Schweiz ist der einzig verbliebene. Ein Unteroffizier der Luftwaffe hat ihnen falsche Papiere besorgt, sie sind nun Luftwaffenangehörige. In der Nacht vor der Flucht schneit es. Im Schnee würde man verräterische Spuren hinterlassen, deshalb verschieben die Fluchthelfer, Bauern aus der Umgebung, das geplante Unternehmen. Man trennt sich. Schwersenz übernachtet in Radolfzell. Gegen viel Uhr klopft es an die Tür - Gestapo! "Und das Wunder geschah", sagt Schwersenz noch 44 Jahre nach dem Ereignis immer fassungslos. Die Gestapo läßt ihn unbehelligt.

Die Flucht in die Schweiz gelingt, und für zehn Jahre lebt er dort. 1953 wandert Schwersenz nach Israel aus, unterrichtet 37 Jahre in Haifa. 1958 erhält er Besuch von einer Jugendgruppe aus Deutschland. "Ich sah, daß eine neue Generation herangewachsen war", schildert er seine Eindrücke. 1979 besucht er erstmals wieder Deutschland, "und die alte Heimatliebe brach auf". Seither hält er Vorträge über sein Leben als "jüdischer Deutscher und deutscher Jude".


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